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16.09.2015

„Anfang und Ende unseres Lebens sind nicht in unserer Hand“

Expertendiskussion „Grauzone Sterbehilfe“ trifft auf großes Interesse

Sterbehilfe ist kein Tabuthema mehr. Das machte schon das große Interesse an der Diskussionsveranstaltung in der Dettinger Schlossberghalle deutlich. Viele Ärzte, Pflegekräfte aber auch interessierte Bürgerinnen und Bürger jeden Alters hatten sich aufgemacht, um zuzuhören und mitzudiskutieren. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich, der CDU Stadtverband Kirchheim-Dettingen und der Evangelische Arbeitskreis EAK hatten für ein hochkarätiges Podium aus Medizin, Theologie und Ethik gesorgt.

Auch wenn die Besucher am Ende mehr Fragen als Antworten mit nach Hause nahmen – der Erfolg des Abends lag vor allem in der offenen, sensiblen Auseinandersetzung mit dem Thema. Für die Fragen sorgten die Besucher und die Fachleute unter Moderation von Dr. Norbert Metke selbst. „Wer bestimmt - der Patient, der Arzt, die Angehörigen, das Gesetz oder ein Gericht?“, „Hat Leiden Sinn? „Wie weit machen wir die Tür auf, dass ein Mensch die Entscheidung über den Tod trifft?“, „Wie stellen wir fest, ob eine autonome Entscheidung ohne Zwänge vorliegt?“, „Warum müssen Ärzte beim Versuch den Patientenwillen zu erfüllen Angst haben, sich strafbar zu machen?“

Im Bundestag werden derzeit vier unterschiedliche Entwürfe für ein Gesetz zur Sterbehilfe diskutiert. Wie bei kaum einer anderen Diskussion haben sich hier Verbindungen über alle Parteigrenzen hinweg gebildet. In einem einzigen Punkt sind sich dabei alle vier Entwürfe einig. Die gewerbsmäßig organisierte Form der Sterbehilfe soll in Deutschland keinen Platz haben. Hennrich, selbst Jurist, brachte in seinem Impulsvortrag eine fünfte Variante ins Spiel: keine Regelung.  „Man muss nicht immer alles per Gesetz regeln. Jedes Gesetz hat auch immer eine Schwäche“, erklärte er.  

Dr. Georg Marckmann, Professor für Medizinethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München beschrieb das Kernproblem. „Wir sind eine plurale Gesellschaft mit vielfältigen Vorstellungen.“ In der Gesellschaft müsse man die Rahmenbedingungen so setzen, dass jeder nach seinen Vorstellungen sterben kann. Das leiste aber keiner der vier im Bundestag diskutierten Vorschläge.

Der Tod werde als unnatürlich empfunden, es werde oft nach Schuldigen gesucht oder es entstehe der Eindruck, die Medizin habe versagt, schilderte Dr. Klaus Baier, Präsident der Bezirksärztekammer die Situation, in der sich viele Ärzte wiederfänden. Mediziner müssten sich sicher sein können, dass Sie sich nicht strafbar machen, wenn es darum ginge, den Patientenbedürfnissen gerecht zu werden. Der Arzt müsse spontan entscheiden, Gerichte betrachten Situationen dagegen im Rückblick. Vom Gesetzgeber wünsche man sich, den Ärzten die Last zu nehmen, im Graubereich zu handeln.

Die erlaubte Beihilfe zum Suizid werde in der Ärzteschaft kontrovers diskutiert, berichtete Baier. Unabhängig davon, wie sich der Gesetzgeber  entscheide, man könne am Ende keinen Arzt zum assistierten Suizid zwingen.  Mit einem assistierten Suizid klar zu kommen, sei auch ein Problem für die Angehörigen, so eine Publikumsmeldung.

Prälat Ulrich Mack von der Landeskirche Württemberg betonte, man stoße bei der Sterbehilfe an die Grenze dessen, was sich juristisch regeln lasse. „Wie weit machen wir die Tür auf, dass ein Mensch die Entscheidung über den Tod trifft?“, sei die Frage. Er wünsche sich eine Lösung, die keinen Druck ausübe. Aber Druck entstehe nahezu zwangsläufig: auf die Patienten, die Angehörigen und die Mediziner.

Was könnte der Weg aus dem Spannungsfeld sein? „Sich umbringen ist die schlechteste Lösung“, sagte Marckmann provokant. Es brauche vielmehr das Gespräch. Ein offener Umgang mit dem Suizid eröffne Möglichkeiten, ihn zu verhindern. In Deutschland gäbe es mit der Patientenverfügung durchaus ein angemessenes Instrumentarium, Vorsorge zu treffen. Aber die sei oft unpräzise oder unauffindbar. „Wir müssen den Menschen helfen, qualifiziert über diese Dinge zu sprechen“, forderte Marckmann und warnte zugleich, den quantitativen Regelungsbedarf zu überschätzen. In Ländern in denen der assistierte Suizid erlaubt sei, würde er nur in maximal 0,5 Prozent der Fälle nachgefragt. 

Das bestätigte auch Wilfried Veeser. Den Wunsch nach Sterbehilfe erlebe er selten in seiner Praxis als Seelsorger. Es mangele aber an einer Kultur des Sterbens“, beklagte er. Statt nach Regeln zu suchen, solle man besser das Gespräch in den Familien, in den Freundeskreisen und Gemeinden suchen, forderte Veeser.

Auch auf Seiten der Ärzte wurden Zweifel daran deutlich, mit einem Gesetz weiter zu kommen. „Wie stellen wir fest, ob eine autonome Entscheidung ohne Zwänge vorliegt?“, fragte Dr. Ernst Bühler, Leiter der Stabsstelle für ärztliches Qualitätsmanagement an der Kreisklinik Esslingen. Es sei nicht Aufgabe des Arztes zu töten, ergänzte Baier. Deswegen könne es auch nicht gut sein, Leitlinien zum Töten zu entwickeln. Er habe Zweifel. Das Thema sei zu schwierig, es in einem Gesetz zu regeln.

Am Ende blieben drei Ansätze: mehr Patientenorientierung, das intensive, fachliche Gespräch auf allen Ebenen und schließlich der Glaube und das Vertrauen in Gott. Michael Hennrich machte klar, dass er den Wunsch nach gesetzlicher Klarstellung einerseits verstehe. Die Pluralität der Vorstellungen mache es jedoch schwer, Regelungen zu finden, die jeden einzelnen Fall passgenau abbildeten. Er sehe sich in seiner Haltung bestätigt, die Sterbehilfe als Gesetzgeber nicht regeln zu wollen. Ob es dazu allerdings die erforderliche Kraft im Parlament gebe, da habe er Sorge.

Foliensatz zum Thema

Zitate:

„Einem leidenden Tier gibt man eine Spritze, Menschen müssen das aushalten.“ (Dr. Klaus Baier, Allgemeinarzt und Palliativmediziner, Präsident der Bezirksärztekammer )

„Ethiker sind die gottfreien Theologen des gesunden Menschenverstandes“ (Dr. Norbert Metke, Vorsitzender der Kassenärztlichen vereinigung Baden-Württemberg)

„Es mangelt uns an einer Kultur des Sterbens“ (Wilfried Veeser, Pfarrer)

„Das Gespräch stärken – dafür brenne ich und nicht für den ärztlich assistierten Suizid“ (Professor Dr. Georg Marckmann, Professor für Medizinethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München )

„Anfang und Ende unseres Lebens sind nicht in unserer Hand“ (Mack).

 
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